Foto: Claudia Höhne
Wir freuen uns sehr, dass wir Boris Kozlowski, Co-Geschäftsführer der Hamburger Allianz für Social Entrepreneurship e.V., für ein hei.experteninterview gewinnen konnten!
Gesellschaftliche Wirkung unternehmerisch gestalten – wie gelingt das? Für Boris Kozlowski ist das keine theoretische Frage, sondern täglicher Antrieb. Für ihn war früh klar: Wirtschaft muss mehr können als Gewinne erwirtschaften. Als Mitgestalter des Impact Hub Hamburg und Co-Geschäftsführer der Hamburger Allianz für Social Entrepreneurship setzt er sich dafür ein, dass Unternehmen gesellschaftliche Herausforderungen aktiv mitgestalten. Im hei.experteninterview spricht er über seinen eigenen Weg, die Chancen und Herausforderungen des Social Entrepreneurship und erklärt, warum echte Veränderung immer dort beginnt, wo Menschen gemeinsam an einer Vision arbeiten.
Hi, ich bin Boris von der Hamburger Allianz für Social Entrepreneurship e.V..
Mein Markenzeichen: Ruhe und Gelassenheit auch in herausfordernden Zeiten.
Mein Erfolgsfaktor: Eine sichere Umgebung zu schaffen, in der andere ihr Potenzial entfalten und selbstbestimmt arbeiten können.
Meine Superkraft: Entscheidungsfreude.
Du hast deine klassische Festanstellung im Controlling hinter dir gelassen, um das Thema Social Entrepreneurship voranzutreiben. Was hat dich damals dazu bewegt und was motiviert dich heute noch, auch wenn es mal herausfordernd ist?
Meine Entscheidung, meine Festanstellung zu kündigen, hatte einen klaren Hintergrund: Ich konnte mich weder mit der vorherrschenden Art des Wirtschaftens, die vor allem auf Gewinnmaximierung ausgerichtet war, noch mit der Unternehmenskultur oder der Art der Zusammenarbeit identifizieren. Den Begriff Social Entrepreneurship kannte ich damals noch nicht. Ich wusste aber, dass ich die Fähigkeiten und Erfahrungen, die ich im Studium und im Berufsleben gesammelt hatte, dafür einsetzen möchte, einen positiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
Die Co-Gründung des Impact Hub Hamburg im Jahr 2019 und die Co-Leitung der Hamburger Allianz für Social Entrepreneurship seit 2023 spiegeln diese Überzeugung wider. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir durch eine soziale und nachhaltige Wirtschaft dazu beitragen können, Hamburg für alle lebenswerter zu machen. Zu erleben, wie Social Enterprises durch unsere Unterstützung wachsen, ihre Wirkung entfalten und gesellschaftliche Herausforderungen aktiv angehen, motiviert mich bis heute – und gerade auch in herausfordernden Zeiten.
Wenn du auf deinen eigenen Weg zurückblickst: Welche Begegnung, welches Netzwerk oder welche Erfahrung hat deinen beruflichen Werdegang besonders geprägt – und was können Gründer:innen daraus lernen?
Besonders geprägt haben mich das Kennenlernen und die Zusammenarbeit mit meinem damaligen Co-Gründer des Impact Hub Hamburg, Jose Saldana. Gemeinsam haben wir nicht nur den Aufbau des Impact Hub erlebt, sondern auch die Erfahrung gemacht, als Sozialunternehmer zu scheitern. Beides hat mich persönlich und beruflich stark beeinflusst. Für mich war es immer unglaublich wertvoll, mit einer anderen Person eine gemeinsame Vision zu verfolgen. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie bereichernd es ist, unterschiedliche Perspektiven und Fähigkeiten im Gründerteam zusammenzubringen und strategische Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Ich glaube, genau darin liegt auch eine wichtige Erkenntnis für Gründer:innen: Ein starkes Team kann nicht nur Erfolge gemeinsam tragen, sondern auch Herausforderungen und Rückschläge besser bewältigen.
Social Entrepreneurship ist ein Begriff, den viele schon einmal gehört haben, aber oft unterschiedlich verstehen. Was macht ein Unternehmen für dich zu einem Social Enterprise? Und woran erkennt man, dass gesellschaftliche Wirkung wirklich Teil des Geschäftsmodells ist – und nicht nur gutes Marketing?
Für mich beschreibt die Definition des Social Entrepreneurship Netzwerks Deutschland (SEND e.V.) sehr treffend, was ein Social Enterprise ausmacht. Darin heißt es sinngemäß, dass Social Enterprises gesellschaftliche Herausforderungen in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Um diese zu lösen, setzen sie gezielt unternehmerische Mittel ein und entwickeln innovative Lösungen. Gleichzeitig sorgen geeignete Steuerungs- und Governance-Mechanismen dafür, dass die gesellschaftliche Mission sowohl innerhalb der Organisation als auch nach außen konsequent gelebt wird.
Ob gesellschaftliche Wirkung tatsächlich Teil des Geschäftsmodells ist oder lediglich gutes Marketing, erkennt man vor allem daran, ob und wie Unternehmen ihre Wirkung messen. Social Enterprises, die ihre Mission ernst nehmen, messen ihre gesellschaftliche Wirkung anhand klarer Indikatoren, reflektieren ihre Ergebnisse und kommunizieren sie transparent. Wirkung ist dann nicht nur ein Versprechen, sondern wird nachvollziehbar belegt und kontinuierlich weiterentwickelt.
Die Stadt Hamburg hat soziale Innovationen fest in die wirtschaftspolitische Innovationsförderung integriert. Mit welchen konkreten Maßnahmen unterstützt die Social Entrepreneurship City Hamburg Gründende in diesem Bereich?
Die Social Entrepreneurship City Hamburg unterstützt Gründer:innen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Ein zentraler Baustein ist die Vernetzung mit relevanten Akteur:innen aus allen Sektoren – von der Privatwirtschaft über Verwaltung und Wissenschaft bis hin zu Wohlfahrtsverbänden und Stiftungen. Denn viele gesellschaftliche Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam lösen.
Darüber hinaus begleiten wir Social Enterprises durch individuelle Beratungsangebote und sorgen über unsere Kommunikationskanäle sowie Veranstaltungen für mehr Sichtbarkeit ihrer Arbeit. Gemeinsam mit unseren Partnerunternehmen entwickeln wir außerdem exklusive Unterstützungsangebote, zum Beispiel Pro-bono-Rechts- und Techberatung oder Weiterbildungsprogramme für Führungskräfte. Das alles findet eingebettet in einer starken Community von mittlerweile über 200 Organisationen statt, die Wissen teilt, Kooperationen ermöglicht und sich gegenseitig dabei unterstützt, gesellschaftliche Wirkung zu entfalten.
Was macht Gründungen im Social-Bereich besonders? Wo liegen, deiner Meinung nach, die größten Herausforderungen für die Gründer:innen und worin unterscheiden sie sich von anderen Gründungsvorhaben?
Eine der größten Herausforderungen ist aus meiner Sicht die Finanzierung. Viele Social Enterprises erfüllen nicht die klassischen Renditeerwartungen von Investor:innen und haben deshalb häufig einen erschwerten Zugang zu Kapital. Umso wichtiger sind Finanzierungsinstrumente und Förderangebote, die neben der wirtschaftlichen Tragfähigkeit auch die gesellschaftliche Wirkung eines Unternehmens berücksichtigen.
Auch die Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells ist oft anspruchsvoller. Social Enterprises beziehen bei ihren Produkten und Dienstleistungen häufig soziale oder ökologische Folgekosten mit ein, die in klassischen Geschäftsmodellen häufig unberücksichtigt bleiben. Dadurch entstehen zwar nachhaltigere Lösungen, gleichzeitig ist es aber oft schwieriger, diese zu marktgerechten Preisen anzubieten und wirtschaftlich zu skalieren.
Woran merkst du, ob aus einer guten Idee mit gesellschaftlichem Nutzen auch ein tragfähiges Unternehmen werden kann? Was möchtest du diesen Gründer:innen mit auf den Weg geben, gerade dann, wenn Zweifel aufkommen oder der Weg besonders steinig erscheint?
Ob aus einer guten Idee ein tragfähiges Unternehmen werden kann, hängt für mich stark von den Menschen dahinter ab. Erfolgreiche Gründer:innen haben ein tiefes Verständnis für das Problem, das sie lösen möchten – sie sind nicht von Anfang an auf eine bestimmte Lösung festgelegt. Stattdessen sind sie bereit, ihr Geschäftsmodell kontinuierlich zu testen, Feedback einzuholen und ihre Ansätze immer wieder anzupassen. Genauso wichtig ist die Fähigkeit, andere Menschen für die eigene Vision zu begeistern – sei es Kund:innen, Partner:innen oder Mitarbeiter:innen. Denn gesellschaftliche Wirkung entsteht selten im Alleingang, sondern durch Zusammenarbeit und das Vertrauen anderer.
Was ich Gründer:innen mit auf den Weg geben möchte: Scheitern ist kein Beweis dafür, dass die Idee falsch war. Oft zeigt es lediglich, dass der richtige Weg noch nicht gefunden wurde. Entscheidend ist die Bereitschaft, aus Rückschlägen zu lernen, den Kurs anzupassen und trotzdem weiterzumachen. Gerade im Social Entrepreneurship braucht es Menschen, die den Mut haben, trotz aller Herausforderungen an ihrer Vision festzuhalten.
Ein großer Teil deiner Arbeit dreht sich um Communities, Netzwerke und persönliche Begegnungen. Warum bist du überzeugt, dass echter Austausch zwischen Menschen auch in Zeiten von Digitalisierung, KI, Remote Work und Social Media nicht an Bedeutung verliert?
Häufig werde ich von Menschen aus anderen Städten und Regionen gefragt, was das „Erfolgsgeheimnis“ der Social Entrepreneurship City Hamburg ist und wie es gelungen ist, eine so stabile Struktur aufzubauen. Meine Antwort ist eigentlich ganz einfach: Es sind die Menschen. Dass wir heute dort stehen, wo wir stehen, liegt daran, dass Akteur:innen aus den unterschiedlichsten Bereichen – von der Verwaltung über Förderbanken und Stiftungen bis hin zu Social Enterprises und der Privatwirtschaft – bereit waren, gemeinsam an einer Vision zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Ohne die persönliche Begegnung und den Aufbau einer gemeinsamen Vision wäre das nicht möglich gewesen und ich bin weiterhin davon überzeugt, dass echte Kooperationen nicht durch eine KI ersetzt werden.
Vielen Dank an Boris für das tolle Interview!
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