Aikaterini Koletsou, ASM e.V.
31. August 2026

Mit Aikaterini Koletsou von der Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten e.V.

Foto: Studioline Mercado

Wir freuen uns sehr, dass wir Aikaterini Koletsou von der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Migranten e.V. (ASM e.V.) für ein hei.expertinneninterview gewinnen konnten!

Gründen bedeutet für viele Menschen mit internationalem Hintergrund gleich doppelt Neuland: eine Geschäftsidee aufbauen und sich gleichzeitig in neuen Strukturen, Netzwerken und bürokratischen Prozessen zurechtfinden. Genau hier setzt Aikaterini Koletsou an.
Als Existenzgründungsberaterin und Leiterin des Projekts Migrant Female Business (MiFeB) begleitet sie Gründer:innen mit internationaler Geschichte auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit – mit Fachwissen, Empathie und einer besonderen Superkraft: Menschen Mut zu machen.
Im hei.expertinneninterview sprechen wir mit Aikaterini darüber, welche Potenziale internationale Gründer:innen für Hamburg mitbringen, wo die größten Hürden liegen und warum Vielfalt eine echte Stärke für das Hamburger Gründungsökosystem ist.

 

Hi, ich bin Aikaterini von ASM e.V.

Mein Markenzeichen: Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und ihre Potenziale sichtbar zu machen. Mir ist wichtig, dass jede Gründerin und jeder Gründer die Beratung mit mehr Klarheit, Selbstvertrauen und einem konkreten nächsten Schritt verlässt.
Mein Erfolgsfaktor: Ich verbinde Fachwissen mit Empathie. Ich höre genau zu, denke strategisch mit und sehe oft Möglichkeiten, die meine Gründer:innen selbst noch nicht erkannt haben. Dabei verliere ich nie den Menschen hinter der Geschäftsidee aus dem Blick.
Meine Superkraft: Menschen Mut machen. Ich schaffe es, aus Unsicherheit Zuversicht zu machen und Gründer:innen dabei zu unterstützen, an sich und ihre Geschäftsidee zu glauben.

 

Du arbeitest mit Gründer:innen, die in der Regel einen internationalen Hintergrund haben und in Hamburg gründen möchten. Was macht ihren Gründungsweg besonders – und was überrascht dich dabei vielleicht immer mal wieder?

Viele meiner Gründer:innen haben bereits in ihrem Herkunftsland Unternehmen geführt oder wertvolle Berufserfahrung gesammelt. Gleichzeitig müssen sie sich in Deutschland in einem völlig neuen rechtlichen, steuerlichen und administrativen System zurechtfinden. Sie gründen also nicht nur ein Unternehmen, sondern bauen sich häufig auch ein neues berufliches Netzwerk und eine neue Existenz auf.

Was mich immer wieder beeindruckt, ist ihre Resilienz. Trotz sprachlicher, bürokratischer oder persönlicher Herausforderungen bringen sie eine enorme Motivation, Kreativität und Ausdauer mit. Diese Entschlossenheit ist etwas ganz Besonderes.

 

Mit welchen Geschäftsideen machen sich deine Gründer:innen besonders oft selbstständig? Gibt es Branchen oder Trends, die dir in deiner Arbeit regelmäßig begegnen?

Die Geschäftsideen sind heute so vielfältig wie die Menschen selbst. Das zeigen auch unsere Beratungszahlen für den gesamten Zeitraum von September 2023 bis Ende 2025 sehr deutlich. Den größten Bereich bilden die sonstigen Dienstleistungen mit insgesamt 69 Gründungsvorhaben. Stark vertreten sind außerdem Gastronomie mit 23 sowie Beauty, Kosmetik und Friseurhandwerk mit 18 Vorhaben. Auch Handel und E-Commerce spielen eine wichtige Rolle. Darüber hinaus begleiten wir Geschäftsideen aus ganz unterschiedlichen Bereichen – darunter Coaching und Beratung, Bildung, Mode, Kunst und Unterhaltung, Tourismus, Eventmanagement sowie Import und Export. Insgesamt zeigt sich ein sehr breites Spektrum, das von personenbezogenen und lokal verankerten Dienstleistungen bis hin zu kreativen, beratenden und digitalen Geschäftsmodellen reicht.

Viele Gründer:innen verbinden ihre beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen mit ihren internationalen und kulturellen Perspektiven und entwickeln daraus Angebote für unterschiedliche Zielgruppen und Märkte.

 

Welche Fragen bringen die Gründer:innen mit in die erste Beratung? Aus deiner Erfahrung: Wo herrscht besonders viel Unsicherheit oder Informationsbedarf?

Die erste Frage lautet häufig: „Wo fange ich überhaupt an?“

Viele wissen noch nicht, welche Rechtsform zu ihnen passt, wie die Gewerbeanmeldung funktioniert, welche Versicherungen notwendig sind oder welche steuerlichen Pflichten auf sie zukommen. Auch Fragen zum Aufenthaltsrecht, zu Finanzierungsmöglichkeiten oder zur Vereinbarkeit von Selbstständigkeit und Familie spielen häufig eine Rolle.

Mindestens genauso wichtig ist jedoch die strategische Seite: Ist meine Idee tragfähig? Gibt es einen Markt? Wie positioniere ich mich? Genau dabei begleiten wir unsere Gründer:innen Schritt für Schritt.

 

Viele Gründer:innen mit internationalem Background bringen Erfahrungen, Ideen und Perspektiven aus ihrem Heimatland mit. Welche Stärken oder Perspektiven bringen sie dadurch ins Hamburger Gründungsökosystem ein? Was denkst du: Wie könnte und kann das Hamburger Gründungsökosystem davon profitieren?

Für Hamburg liegt genau in dieser Vielfalt eine große Chance. Menschen, die unterschiedliche Länder, Kulturen und Märkte kennen, bringen oft einen anderen Blick auf Bedürfnisse und Zielgruppen mit. Dadurch erkennen sie Marktpotenziale, entwickeln neue Ideen und finden Lösungen, die andere vielleicht nicht sofort sehen. Auch ihre internationalen Netzwerke können dabei helfen, neue Märkte zu erschließen und Geschäftsbeziehungen über Ländergrenzen hinweg aufzubauen.

Gleichzeitig zeigt sich der Beitrag migrantischer Unternehmer:innen ganz konkret vor Ort. Viele sind mit ihren Geschäften, Restaurants und Dienstleistungsbetrieben ein wichtiger Teil des Stadtteillebens. Sie tragen zur Grund- und Nahversorgung bei, schaffen Orte der Begegnung und stärken die lokale Wirtschaft. Viele dieser Betriebe bilden außerdem junge Menschen aus und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung.

Gerade für Hamburg als internationale Handels- und Wirtschaftsmetropole ist diese Vielfalt eine große Stärke. Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven können neue Geschäftsideen hervorbringen, Innovation fördern und gleichzeitig die lokale Wirtschaft stärken.

Das zeigen auch aktuelle Zahlen für Deutschland insgesamt. Laut Migrant Founders Monitor 2025 der Friedrich-Naumann-Stiftung und des Startup-Verbands sind 14 % der Startup-Gründer:innen in Deutschland im Ausland geboren. Bei deutschen Unicorns liegt dieser Anteil bei 23 % und 52 % der Einhorn-Start-ups haben mindestens eine Person mit Migrationshintergrund im Gründungsteam.

Diese Zahlen beziehen sich auf ganz Deutschland und nicht speziell auf Hamburg. Sie zeigen aber sehr deutlich, welches Innovations- und Wachstumspotenzial migrantische Gründer:innen mitbringen. Für Hamburg liegt deshalb eine große Chance darin, diese Vielfalt noch stärker als Stärke zu sehen und migrantischen Gründer:innen den Zugang zu Netzwerken, Finanzierung und den Angeboten des Gründungsökosystems zu erleichtern.

 

Welche besonderen Hürden müssen die Gründer:innen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit überwinden? Geht es dabei eher um Bürokratie, Sprache, Netzwerke, Finanzierung oder etwas ganz anderes?

Eigentlich ist es eine Kombination aus allem. Bürokratische Prozesse sind oft komplex, insbesondere wenn zusätzlich aufenthaltsrechtliche Fragen hinzukommen. Sprachliche Hürden erschweren häufig den Zugang zu Informationen oder Behörden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das fehlende berufliche Netzwerk. Viele starten in Deutschland ohne Kontakte zu Kund:innen, Geschäftspartner:innen oder Mentor:innen. Deshalb lege ich großen Wert darauf, Menschen zu vernetzen, Orientierung zu geben und sie Schritt für Schritt auf ihrem Gründungsweg zu begleiten.
Eine besondere Herausforderung ist außerdem die Finanzierung – vor allem für Frauen. Viele Gründerinnen haben über Jahre Care-Arbeit geleistet, Kinder oder Angehörige betreut und konnten dadurch weniger eigenes Kapital aufbauen. Gleichzeitig verfügen sie häufig über geringere finanzielle Sicherheiten oder haben weniger Zugang zu klassischen Finanzierungswegen. Deshalb spielen Familie und Freundeskreis bei der Finanzierung der ersten Gründungsschritte weiterhin oft eine wichtige unterstützende Rolle.

Außerdem beschäftigen viele Teilnehmer:innen Fragen zur Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells, zur Positionierung, Preisgestaltung, Finanzierung, zum Marketing und zur Kundengewinnung. Deshalb sind diese Themen ein wichtiger Bestandteil unserer Beratung.

Gleichzeitig haben wir in Hamburg ein hervorragendes Fördernetzwerk. Viele Partnerorganisationen und Expert:innen unterstützen Gründer:innen mit ihrem Fachwissen. Bei speziellen Fragen verweisen wir unsere Teilnehmerinnen gezielt an die passenden Anlaufstellen. Deshalb schätze ich die Arbeit der Hamburger ExistenzgründungsInitiative (hei.) sehr. Durch unsere enge Zusammenarbeit können wir die Frauen bestmöglich unterstützen und ihnen genau die Hilfe bieten, die sie für ihre Gründung brauchen.

Gibt es eine Erfolgsgeschichte oder ein Beispiel aus deiner Arbeit, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Es gibt viele Erfolgsgeschichten, die mich berühren. Drei davon haben wir im vergangenen Jahr in Form von Gründerinnen-Porträts vorgestellt, die ihr freundlicherweise auch über eure Social-Media-Kanäle veröffentlicht habt. So konnten wir erfolgreiche Unternehmerinnen sichtbar machen und andere Frauen dazu inspirieren, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Besonders stolz bin ich jedoch auf die Entwicklung unseres ASM-Projekts Migrant Female Business (MiFeB), das seit September 2023 von der Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation (BWAI) gefördert wird, das ich aufgebaut habe und heute weiterhin koordiniere.

Seit dem Projektstart konnten wir 250 Erstberatungen, über 180 Folgeberatungen und 51 Gründungen begleiten. Darüber hinaus verzeichnen wir rund 600 Teilnahmen an Workshops, Informationsveranstaltungen und Netzwerktreffen. Mit einer jährlichen Pitch-Veranstaltung und spannenden Gründerinnen-Porträts gelingt es uns, erfolgreiche Unternehmerinnen sichtbar zu machen und weitere Frauen für den Schritt in die Selbstständigkeit zu motivieren. Der Preis für die am besten aufbereitete Gründungsidee, den die DOHLE Stiftung für den diesjährigen Pitch zur Verfügung stellt, wird unseren Gründerinnen weiteren Ansporn geben.
Für mich sind diese Zahlen weit mehr als eine Statistik. Hinter jeder Gründung steht eine persönliche Geschichte, viel Mut und oft ein langer Weg. Diese Entwicklung miterleben zu dürfen und Frauen dabei zu unterstützen, ihre unternehmerischen Ziele zu verwirklichen, ist für mich der größte Erfolg.

 

Erzähle uns mehr über Migrant Female Business (MiFeB). Was macht dieses Projekt aus deiner Sicht besonders? Für wen ist es gedacht und welche Ziele verfolgt ihr damit?

Ich leite bei ASM den Geschäftsbereich Existenzgründung. Ein besonderer Teil meiner Arbeit ist das Projekt Migrant Female Business (MiFeB). Es richtet sich an Frauen mit Migrationshintergrund, die sich selbstständig machen möchten. Unser Ziel ist es, ihren Anteil am Hamburger Gründungsgeschehen zu erhöhen, sie auf ihrem unternehmerischen Weg nachhaltig zu begleiten und ihre Potenziale und Geschichten sichtbarer zu machen.

Das Besondere an MiFeB ist die Kombination aus individueller Gründungsberatung, praxisnahen Workshops und Vernetzung. Wir vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern schaffen auch Räume, in denen Frauen voneinander lernen, Kontakte knüpfen, Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig ermutigen und stärken.
Darüber hinaus unterstützen wir ab Januar im Rahmen des Projekts VIVA! Frauen in Qualifizierung und Arbeit gezielt Frauen mit Migrationserfahrung, die (formal) geringqualifiziert sind und einen erhöhten Unterstützungsbedarf auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit haben. VIVA! wird im Rahmen des Programms „MY TURN – Frauen mit Migrationserfahrung starten durch“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.

Unser Gründungsangebot bei ASM richtet sich aber nicht ausschließlich an Frauen: Auch Männer mit Migrationshintergrund beraten und begleiten wir auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit.

 

Vielen Dank an Aikaterini für das tolle Interview!

 

Mehr Informationen:
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