Foto: Blinkist
Von der KI-Forschung in Cambridge über internationale IT-Unternehmen bis in die Selbstständigkeit: Thomas Brouwer unterstützt heute als freiberuflicher Product Consultant Unternehmen dabei, digitale Produkte – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz – schnell und praxisnah voranzubringen. Im Gespräch erzählt er, warum ihn die Abwechslung der Selbstständigkeit reizt, weshalb „Start simple“ für ihn mehr als nur ein Motto ist und warum gutes Networking der Schlüssel zu neuen Projekten sein kann.
Das Interview mit Thomas Brouwer:
Thomas, wer bist du? Und was machst du in deiner Selbstständigkeit?
Moin! Ich bin Thomas, komme aus den Niederlanden, und wohne seit sieben Jahren in Hamburg. Ich habe in Cambridge, England, studiert – erst Informatik, und danach in „Machine Learning“ promoviert. In den letzten sieben Jahre habe ich als Produktmanager in verschiedenen IT-Firmen gearbeitet, zum Beispiel bei Yelp und Blinkist.
Aktuell bin ich freiberuflicher Produktmanager. Ich helfe Firmen dabei Software-Produkte zu entwickeln und zu vermarkten, insbesondere wenn diese mit künstlicher Intelligenz zu tun haben. Meine Kunden haben oft neue Ideen, die schnell ausprobiert werden müssen. Jemanden Vollzeit anzustellen dauert zu lange – ich kann kurzfristig einspringen. Das kann ein paar Tage in der Woche sein, auch fünf – meistens nicht länger als 3-12 Monate.
Du hast jahrelang in großen Tech- und Scale-up-Unternehmen Produkte entwickelt – was hat dich dazu bewegt, den Schritt in die Selbstständigkeit als Product Consultant & Coach zu wagen?
Ich habe bei meinen alten Stellen häufig bemerkt, dass mir die anfängliche Abwechslung und die neuen Herausforderungen am meisten Spaß gemacht haben. Nach einem halben Jahr suchte ich oft schon die nächsten Aufgaben – und als Angestellter ist das oft schwieriger. In meinem Umfeld habe ich mehrere Freunde, die als Freiberufler beschäftigt sind, und mich inspiriert haben das auch zu probieren. Nach meiner letzten Stelle habe ich es dann einfach gemacht.
Dein Fokus liegt u.a. auf AI (Artificial Intelligence) und Machine Learning. Viele Unternehmen sind neugierig, aber auch verunsichert: Wo fängt man am besten an, wenn man KI wirklich sinnvoll einsetzen will?
Das Wichtigste ist, dass man KI nutzt, um echte Probleme zu lösen – statt es nur zu nutzen, weil man dann sagen kann, dass man es nutzt. Ich empfehle, nicht direkt groß anzufangen, sondern kleine Dinge einfach auszuprobieren – damit testet man, ob es wirklich ein Problem löst. Am besten fängt man mit standardisierten Prozessen an. Muss z. B. jede E-Mail mit einer Rechnung gespeichert werden, kann das relativ leicht automatisiert werden mit Tools wie n8n oder Zapier.
Du sagst: „Start simple.“ – hast du ein Beispiel aus deiner Praxis, wo gerade dieser Ansatz entscheidend war?
Das ist fast mit jedem IT-Produkt so, insbesondere mit KI und Machine Learning. Bei einem Projekt bei Yelp war das Ziel unser „Ad Targeting“ zu verbessern. Das Team wollte zunächst direkt ein Machine Learning-Modell entwickeln, was meistens ein paar Monate dauert. Stattdessen haben wir erst eine sehr simple Lösung ausprobiert (mit einer sogenannten Heuristik), haben das ein paar Wochen lang getestet, und stellten dann fest, dass wir das falsche Problem lösten. Dieser Prozess hat uns mehrere Monate Arbeit an der falschen Stelle erspart.
Zwischen Interim-Projekten, Coaching und Speaking bist du breit aufgestellt. Was gibt dir am meisten Energie – und wo merkst du, dass du den größten Impact hast?
Beim Speaking habe ich das Gefühl den größten Impact zu haben, aber es kostet auch viele Ressourcen und ist oft unbezahlt. Was mir am meisten Energie gibt, ist, mit anderen gemeinsam neue Probleme zu lösen und damit ihre Arbeit zu erleichtern. Mir macht die Verbindung mit anderen Menschen besonders viel Spaß.
Foto: Cindy Ngo
Dein Weg von der Forschung (PhD in Machine Learning in Cambridge) bis zu Blinkist, Go1 und jetzt Freelance ist beeindruckend. Was war rückblickend dein wichtigster „Learning Moment“ auf dieser Reise?
Es ist völlig in Ordnung, nicht dem erwarteten Weg zu folgen. Nach meinem PhD dachten viele, dass ich in der Forschung bleiben würde – aber es hat mir nicht so viel Spaß gemacht. Wegen meines Hintergrunds in KI glauben viele Firmen, dass mein Fokus auf der technischen Seite liegt – aber die geschäftliche Seite interessiert mich auch sehr. Und jetzt bin ich freiberuflich unterwegs, obwohl eine traditionelle Karriere in den Augen vieler wahrscheinlich „erfolgreicher“ sein würde – trotzdem fühlt es sich wie die richtige Entscheidung an. Mein Rat daher an alle, die sich selbstständig machen wollen: Höre auf dich selbst und gehe deinen eigenen Weg.
Viele Product Manager:innen kämpfen mit Balance zwischen Job, Weiterentwicklung und Privatleben. Du schreibst und sprichst auch über Work-Life-Balance – wie gehst du selbst damit um?
Ich musste lernen, auf mich selbst zu hören. Ich habe gemerkt, dass ich ganz klare Grenzen brauche – keine Arbeit am Wochenende, am besten auch wenig abends. Jede:r muss ihr/sein eigenes Gleichgewicht finden, und dies beginnt mit Selbstreflexion.
Wenn dich ein junges Startup fragt: „Thomas, wir haben wenig Zeit und Budget – wie testen wir schnell, ob unsere Idee mit KI wirklich trägt?“ – was antwortest du?
Fang mit einem Problem an, das einen ganz klaren Geschäftswert hat. Oft sind das manuelle Prozesse, die man jetzt mit KI sehr leicht automatisieren kann – z.B. Dokumente analysieren und Daten übertragen. Nimm dir einen Abend oder Nachmittag Zeit und probiere das aus mit ChatGPT, Claude, n8n, Perplexity.
Und zum Schluss: Was würdest du jemandem raten, der oder die mit dem Gedanken spielt, sich als Product Consultant oder Coach selbstständig zu machen – vielleicht sogar im Bereich AI?
Netzwerk, Netzwerk, Netzwerk. Damit meine ich nicht, zu beliebigen Netzwerk-Events zu gehen, sondern regelmäßig mit alten Kolleg:innen oder Geschäftspartner:innen Kaffee trinken zu gehen und aufrichtig an ihnen und ihrer Karriere interessiert zu sein. Ich habe die letzten drei Jahre damit verbracht, mindestens einmal im Monat mit jemandem zu sprechen – nicht um etwas davon zu haben, sondern weil ich den Kontakt schätze. Positiver Nebeneffekt: Dieses Networking erleichtert mir dann auch, neue Projekte zu finden.
Vielen Dank für das tolle Interview, Thomas.
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